Die Stadt, die mit uns fühlt

Kann Architektur fühlen, reagieren, leben? Wer Philip Beesleys Noosphere betritt, bekommt eine leise Ahnung.
Ein Schritt, eine kleine Geste, und dieser glitzernde, künstliche Zauberwald erwacht aus seinem Dornröschenschlaf.
Wie ein neugieriges Kind reagiert die begehbare Installation auf Besucher mit Vibrationen, Klängen und Lichtmustern,
die sich wie ein Flüstern durch die komplexe Struktur verbreiten.
Und irgendwann einmal könnten daraus Häuser werden, die sich selbst reparieren.

Ein Flüstern, ein Glitzern: Der Zauberwald des Philip Beesley

Wie die zart gearbeitete Installation auf den Besucher reagiert, wie sie sich verändert und immer neue Formen annimmt:
Das ist ein ganz besonderes Erlebnis. Ihre hauchfeinen, skelettartigen Stützelemente wurden beispielsweise hohlen Vogelknochen nachempfunden.
Leichte, extrem widerstandsfähige Materialien: Zukunftsmusik für die Bauindustrie.

Weit mehr als die Summe der einzelnen Teile

Seit vier Jahrzehnten plant der gelernte Architekt und Künstler Philip Beesley „lebendige“ Installationen.
Die Ergebnisse überraschen ihn oft selbst, denn sie entwickeln, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Eigenleben.
„Neue Technologien wie das Human Genome Project entschlüsseln biologische Prozesse und stellen uns quasi einen Bauplan der Natur zur Verfügung“,
erklärt Beesley, während sein Team die gut 250.000 Teile der Noosphere zusammenpuzzelt.
„Damit können Wissenschaftler und Ingenieure zum ersten Mal biologische Prinzipien mit neuesten digitalen und synthetischen Erfindungen
verschmelzen, um etwas Lebendes zu erschaffen. Ich finde es extrem spannend und wertvoll, mit diesen Konzepten zu spielen und aus der Natur zu lernen.“

Die Noosphere: Chemische „Proto-Zellen“ empfinden die Entstehung des Lebens nach.

Ein luftiges Netz aus Mikroprozessoren und Minimotoren

Das präzise Zusammenspiel aus Architektur, Chemie, Künstlicher Intelligenz und Sound ist fast so kompliziert wie die Welt, die sie spiegelt.
In dem feinen, luftigen Netz aus verwobenem Stahl und Acryl hängen unzählige Mikroprozessoren und Minimotoren.
Aber auch 3D-gedruckte Lampengehäuse, maßgefertigte Glaskolben, hauchdünne Folienwedel und Sensoren sind hier zu finden.
Ganz im Sinne der Biomimikry kopiert Beesley erfolgreiche Konzepte aus der Natur. Seine hauchfeinen, skelettartigen
Stützelemente wurden beispielsweise hohlen Vogelknochen nachempfunden. Trotz ihres geringen Gewichts können sie
enorme Belastungen aushalten, während chemische „Proto-Zellen“ die Entstehung des Lebens nachempfinden.

In chemischen „Proto-Zellen“ gehen geheimnisvolle Reaktionen vor sich.

Landschaften, die uns verstehen

Was wir zu sehen bekommen, wirkt vielleicht nicht wie klassische Architektur. Doch die Prinzipien der Noosphere könnten in
Zukunft unseren Alltag bestimmen: Statt starrer Betonklötze schweben Beesley offene, lebende Landschaften vor. Landschaften,
die uns wahrnehmen, verstehen und mit uns kommunizieren. Flexible Formen, die trotz minimalem Materialeinsatz
extrem widerstandsfähig bleiben. Digitale Muster, aus denen jeder von uns mit wenig Einsatz und günstigen Materialien etwas
Neues schaffen kann. Gebäude, die sich selbst umgestalten und sogar reparieren. Ob sie dann wirklich „lebendig“ sind?
Egal – wenn das Ergebnis unser eigenes Leben noch ein Stück lebenswerter macht.