Swinging Sixties: Wie die Trikot-Historie von Union begann

An Heilig Abend des Jahres 1979 spürte ein Redakteur des „Neuen Deutschland“ den Trikotfarben der DDR-Oberliga-Klubs nach: Zwar sei der Fußballplatz kein „Mode-Laufsteg“ und den Toren sei es ebenfalls gleichgültig, „ob sie von Rot oder Blau beschossen werden“, hieß es im Parteiorgan der SED. Anders sei es aber bei den Zuschauern: „Sie wollen ‘ihre’ Mannschaft in ‘ihren’ Trikots siegen sehen.“ Und so rätselte der Journalist, was es mit den azurblauen Trikots des damaligen FC Karl-Marx-Stadt auf sich habe oder wie es zu den violetten Leibchen von Wismut Aue komme. Bei Union lag der Fall dagegen einfacher: „Genau wie die Hälfte der 14 Oberliga-Mannschaften“ würden auch die Köpenicker ihre Trikotfarben dem Stadtwappen entnehmen.

Rot und Weiß, das waren 13 Jahre nach der Gründung des 1. FC Union Berlin die ikonischen Farben der Köpenicker Sportkleidung. Vor allem die rote Farbgebung war eine kluge Wahl, wenn man neuen Erkenntnissen der Psychologie glaubt: Diese Farbe motiviert ihre Träger und schüchtert den Gegner ein.

Doch bereits in den 1960er-Jahren, als an Merchandising und saisonal wechselnde Trikot-Kollektionen noch lange nicht zu denken war, setzte Union bei der Trikotgestaltung durchaus auf einen deutlichen Abwechslungsreichtum.

In den Vereinsfarben

Am 12. Februar 1966 vermeldet die Berliner Zeitung: „Gewinner ermittelt“ und druckte den Siegerentwurf für einen Wettbewerb ab, bei dem ein Emblem für den gerade gegründeten 1. FC Union Berlin gefunden werden sollte. Das bis heute charakteristische Wappen, entworfen von einem gewissen Peter Gribat, schmückt seither das Trikot des Vereins. Auf dem ersten Dress prangte es leicht schräg auf der Brust. Die Farben des ersten Trikots mit seinem charakteristischen Kragen besaßen dagegen bereits eine gewisse Tradition: Sie wurden vom TSC Berlin entnommen, aus dessen Fußballabteilung der 1. FC Union Berlin am 20. Januar 1966 hervorgegangen war.

Auf internationalem Parkett

Die Vorbereitung auf die zweite Saison im Sommer 1967 beginnt recht unspektakulär: Gegen Underdogs wie BSG Turbine BEWAG Berlin oder die Berliner Juniorenauswahl liefert Union hohe Siege ab. Doch dem Pflichtprogramm folgt bald die Kür: Am 1. Juli 1967 tritt der 1. FC Union Berlin erstmals auf internationalem Parkett in einem europäischen Wettbewerb an – und dann gleich im „nichtsozialistischen Ausland“! Beim dänischen Oberligisten BK Kopenhagen laufen die Berliner nicht in gestreiften Jerseys auf, sondern präsentieren sich in roten Trikots mit weißen Ärmeln. Glückshemden sind das nicht: Am Ende verliert Union mit 0:1. „Das Ausgleichstor lag in der Luft“ titelte die Berliner Zeitung. Weil Gruppengegner Katowice in Teplice höher verliert, rutscht Union nur auf den dritten Rang der vierköpfigen „Gruppe B7“. Dort stehen die Hauptstädter dann leider auch nach Abschluss des Intertoto-Cups. Immerhin: Beim 3:0-Sieg über Katowice im Hans-Zoschke-Stadion, in das Union wegen Ausbesserungsarbeiten an der heimischen Rasendecke ausweichen musste, wird das erste Tor der Vereinsgeschichte in einem internationalen Wettbewerb erzielt.

Einfarbig? Vielseitig!

Fünf Saisons spielten die „Eisernen“ als 1. FC Union Berlin während der 1960er-Jahre – doch stolze 16 Trikotvarianten sind für diesen Zeitraum belegt. Von manchen gibt es nur noch vergilbte Schwarzweißfotos, die wenig Auskunft über den Gestaltungsreichtum geben. Selbst im Bundesarchiv ist ein Foto vom FDGB-Pokalfinale 1968 mit dem Vermerk versehen, die Unioner seien im „schwarz-weiß gestreiften Jersey“ angetreten. Dabei waren die Trikots der legendären „68er“ tatsächlich rot und weiß. Diese Farben dominierten auch die weiteren Modelle der „Swinging Sixties“ – mal ganz in Weiß, mal rot und mal in Kombination. Gestreifte Trikots sollten im ersten Jahrzehnt der Vereinsgeschichte nochmal eine Rolle spielen. Und zwar beim besagten Finale des FDGB-Pokals ...

Stoff für Legenden

Rudi Glöckner ist ein erfahrener Schiedsrichter. Er hat bereits bei den Olympischen Spielen in Tokio gepfiffen und in zwei Jahren, das weiß er jetzt natürlich noch nicht, wird er als erster und bis heute einziger Deutscher das Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft leiten. Dagegen scheint die Partie, die Glöckner an diesem 9. Juni 1968 anpfeift, reine Routine: Im Finale des FDGB-Pokals tritt der neue Meister Carl-Zeiss Jena gegen Union an, den gerade einmal zwei Jahre alten Club aus der Hauptstadt. Die Rollen bei dieser Partie im Kurt-Wabbel-Stadion in Halle sind klar verteilt. Und tatsächlich – nach nur 30 Sekunden schmettert Jenas Mittelstürmer Werner Krauß den Ball ins Tor von Union. Doch die Elf von Trainer Werner Schwenzfeier lässt sich nicht beirren. Als Meinhard Uentz einen Handelfmeter vor der Halbzeitpause erfolgreich verwandelt, leitet er die Wende der Partie ein. Am Ende gewinnt Union 2:1, dank des Siegtreffers von Ralf Quest. Der Stoff dieser Legende? Das – hier wieder gestreifte – Trikot. Auf alten Fotos, auf denen die Spieler stolz den Pokal in die Höhe recken, kann man noch die Grasflecken erkennen: Purer Kampfgeist. Der Drehbuchautor Torsten Schulz hat vor einigen Jahren lebhaft geschildert, wie sein Vater sich das Trikot des damaligen Neuzugangs Reinhard Lauck nach Spielende sichern konnte. Dann schenkte er es seinem Sohn: „Natürlich war es mir einige Nummern zu groß, und es stank heftig nach Schweiß“, erinnert sich Schulz. Dass er in dem Jersey „wie eine Sau“ ausgesehen haben muss, hinderte den damals Achtjährigen nicht, in dem besonderen Stück Stoff Tage später in der Nachbarschaft aufzuschlagen und kräftig anzugeben. Der rot-weiß-gestreifte Dress – keine drei Jahre nach der Vereinsgründung ist er bereits ein eigener Mythos.

Der Triumph in Halle bleibt der letzte große Erfolg des Jahrzehnts. Als in Tschechien sowjetische Panzer rollen, um den „Prager Frühling“ niederzuwalzen, regt sich bei Fußballvereinen wie dem italienischen Meister AC Mailand Protest. Forderungen nach dem Ausschluss von Mannschaften des sozialistischen Ostblocks werden laut. Die UEFA reagiert und will nach Ost und West getrennte Gruppen einrichten. Für den Fußballverband der DDR nicht hinnehmbar – er sagt die Teilnahme der eigentlich bereits ihren Spielpartnern zugelosten Teams Union und Carl-Zeiss-Jena kurzerhand ab. Union ist um die Teilnahme am Europapokal gebracht – und wird noch einige Tiefschläge mehr einstecken müssen. Lies in der kommenden Woche, wie die Unioner in 1970er-Jahren, die nun folgten, dennoch legendäre Momente erlebten.

In der Zwischenzeit kannst du uns DEINE legendären Momente mit DEINEM Union-Lieblingstrikot erzählen und mit etwas Glück sogar gewinnen. Wie? Das erfährst du auf der nächsten Seite.