Kampf um den Aufstieg

Nach dem rauschenden Fußballfest im Olympiastadion zieht aber bald Katerstimmung in Köpenick ein: Union scheitert in der Relegationsrunde, in der Teams aus den oberen beiden DDR-Ligen um sechs Plätze in der nun gesamtdeutschen 2. Bundesliga spielen. Die „Eisernen“ rutschen in die damals drittklassige Oberliga Nordost ab. Statt Dresden, Rostock oder Leipzig heißen die Gegner nun Wernigerode, Thale oder Senftenberg. Doch im Sommer 1993 gibt es neue Hoffnung: Frank Pagelsdorf, der später Hansa Rostock in die Bundesliga führen wird, hat den Trainerposten bei Union übernommen. Der gebürtige Hannoveraner zieht demonstrativ in einen Plattenbau in Marzahn – das im Union-Stammland Köpenick kaum jemand so lebt, ist nebensächlich. Die Geste zählt. Derart motivierend führt Pagelsdorf das Team in die Aufstiegsrunde für die 2. Bundesliga.

Großer Auftritt in großen Shirts

Der Auftakt misslingt, gegen Tennis Borussia Berlin kassiert Union eine 1:3 Niederlage. Doch eine gute Woche später bezwingen die „Eisernen“ den Bischofswerdaer FV und sind wieder im Rennen um den Aufstieg. Der scheint zum Greifen nah, als die Unioner zum Rückspiel im Mommsenstadion antreten. Die weißen Trikots mit roten Streifen können ihre Herkunft aus den frühen 1990er-Jahren kaum verleugnen. „Vielleicht war mein Trikot eine Nummer zu groß, aber ich weiß noch, dass es ganz schön locker saß“, erinnert sich Stürmer Goran Markov. Die Jerseys tragen den Aufdruck des Hauptsponsors GHUT. Das Bauunternehmen wird bald darauf noch eine Rolle spielen, aber jetzt geht es um das Ergebnis auf dem Platz. Und hier geht TeBe bereits in der 9. Minute in Führung. Eine Stunde quälen sich die Unioner mit dem Rückstand, dann verwandelt Mario Maek in der 69. Minute einen Elfmeter zum Ausgleichstreffer. „Die Fans haben uns nach vorne gepusht, wir haben dann volles Risiko gespielt“, beschreibt Goran Markov die Szene heute. Nachdem der Ball „richtig gut rausgespielt“ wird, erzielt er keine drei Minuten nach Maeks Ausgleichstor den Siegtreffer für Union. „Ich hatte nicht viele Möglichkeiten und habe mich für eine schnelle Ballannahme entschieden. Aus sieben Metern ging der Ball dann durch die Beine, vielleicht waren es auch zehn Meter“, erzählt Markov lachend. Das gesamte Team befindet sich im „Rausch der Gefühle“ und in mancher Erinnerung ist aus der Partie gegen TeBe das entscheidende Aufstiegsspiel geworden.

Tatsächlich sind Union und TeBe zu diesem Zeitpunkt punktgleich. Entscheidend sind die Partien der beiden Berliner Teams gegen Bischofswerda. Als das Team aus Sachsen überraschend gegen die „Veilchen“ gewinnt, herrscht dort „lähmendes Entsetzen“, wie die Berliner Zeitung schreibt. Union ist für das Blatt hingegen nun „Aufstiegs-Favorit“. Am 13. Juni 1993 treten die „Eisernen“ zum entscheidenden Spiel im Stadion an der Alten Försterei an.

Böllerschüsse in Köpenick

Auf vom Regen glatten Boden spielen die Unioner zunächst zurückhaltend, „zu sehr merkte man ihnen den nervlichen Druck an“. Bischofswerda schafft es immer wieder, das Können von Union-Keeper Martin Pieckenhagen zu testen – doch der übersteht jede Prüfung. In der 67. Minute erlöst Jens Henschel die mitfiebernden Fans und erzielt den Führungstreffer! „Danach brachen alle Wälle. Papierschlangen flogen aufs Feld, und erst Trainer Pagelsdorfs persönliches Bemühen beruhigte die freudigen Gemüter“, schreibt die Berliner Zeitung.

Als Schiedsrichter Wolf-Günter Wiesel die Partie schließlich abpfeift, gibt es kein Halten mehr: Böllerschüsse und Raketen hallen durch Köpenick, auf einem Platz in der Nachbarschaft feiern die Fans bei Freibier den Aufstieg. „Jetzt lockt das Abenteuer bezahlter Bundesliga-Fußball“ frohlockt die Berliner Zeitung, die „Neue Zeit“ pflichtet bei: „Bundesliga zwei, wir sind dabei“. Doch die Zeitungen sollen sich bitter irren.

Lizenzentzug im Nachgang

Schon im Mai, so rekonstruiert die Berliner Zeitung später, habe ein Bote, der vorgab, vom Hauptsponsor GHUT zu kommen, eine Bank-Erklärung überbracht. Die Verantwortlichen bei Union hätten diese sofort per Fax an den DFB weitergeleitet. Das Problem: Die Erklärung ist gefälscht. Dieser Umstand wird kurz nach dem Aufstieg auch TeBe-Chef Jack White gesteckt, dessen Verein am Ende als Gewinner hervorgeht: Die Bankbürgschaft, von der bis heute nicht bekannt ist, wer sie gefälscht hat, kostet Union die Lizenz. Stattdessen steigt Tennis Borussia in die 2. Bundesliga auf. „Meine Mutter rief mich im Thailand-Urlaub an und sagte, dass da was nicht stimmt. Das war eine herbe Enttäuschung“, erinnert sich Goran Markov.

Für Union bleibt das nicht der letzte Rückschlag am „Grünen Tisch“. Auch in der Folgesaison gibt es trotz sportlichem Erfolg keine Lizenz. „Das war eigentlich eine noch größere Enttäuschung, wir haben davon schon in der laufenden Spielzeit erfahren“, berichtet Markov. Trainer Frank Pagelsdorf zieht entnervt weiter, ebenso viele Spieler. Es soll noch einige Jahre dauern, ehe sich die „Eisernen“ wieder richtig aufrappeln.