Voller Einsatz gegen den Erzrivalen

Als der Verein Vorwärts Berlin 1971 nach Frankfurt an der Oder verlagert wird, gibt es in der Hauptstadt nur noch zwei Spitzenteams: Union Berlin – und den BFC Dynamo. Die Clubs könnten unterschiedlicher nicht sein und pflegen eine ausgesprochene Rivalität. Union Berlin hat dabei die Rolle des Underdogs gegenüber dem staatlich geförderten Lieblingsclub von Stasi-Chef Erich Mielke inne. Doch in der Saison 1976/77 passiert etwas Außergewöhnliches…

Underdog in hellen Hemden

Das Stadion der Weltjugend ist gut gefüllt, rekordverdächtige 45.000 Zuschauer sind an diesem Nachmittag im September 1976 in die Vorzeige-Arena an der Chausseestraße gepilgert. Unter ihnen SED-Prominenz wie Egon Krenz oder Erich Mielke, Chef der Stasi. Kein Wunder: Mielkes Lieblingsclub, Dynamo Berlin, läuft an diesem Tag auf und tritt gegen einen besonderen Gegner an: Union Berlin.

Beide Teams sind sich in herzlicher Abneigung verbunden. Union gilt unter Fußballfreunden als der Gegenentwurf zum staatsnahen BFC Dynamo, der als „Stasi-Klub“ verschrien ist und von sportpolitischen Hilfestellungen profitiert. Diese Unterstützung zeigt Wirkung, Dynamo gilt als unangefochtene Fußball-Macht. Doch an diesem ersten Spieltag der DDR-Oberliga findet der Goliath seinen David. In der 14. Minute erzielt Ulrich Netz den Führungstreffer für den Underdog – und schießt Union zum Sieg. Das Lob für den 1:0-Erfolg gebührt jedoch dem ganzen Team: „Unions Kampfgeist gefiel“ titelt der Berliner Zeitung und lobt das „harmonierende Kollektiv“, dessen Einsatz auf den hellen Trikots deutlich zu erkennen ist. Wie passend, dass sich auch die Nachwuchsmannschaften beider Teams am selben Tag mit einem 1:0 für Union trennen ...

Doppelt hält besser!

Der Sieg im Herbst 1976 ist nicht der erste Triumph von Union über den BFC Dynamo. Dass die Partie jedoch als besonderes Ereignis in die Vereinsgeschichte eingeht, hängt auch mit dem 14. Spieltag der Saison 1976/77 zusammen.

Um 14 Uhr pfeift der Erfurter Schiedsrichter Adolf Prokop das Rückspiel der beiden Berliner Oberliga-Klubs an. Bis auf die Reihenfolge unterscheidet sich die Partie kaum vom Hinspiel: Wieder ist das Stadion der Weltjugend Austragungsort, wieder läuft der BFC im dunklen Weinrot, Union in hellen Trikots auf. Und wieder gelingt es Union Berlin, den haushohen Favoriten zu schlagen: Aus 18 Metern Distanz schießt Ulrich Werder, der später noch vom Platz gestellt werden wird, den Ball ins BFC-Tor. Die als Tabellenletzter in die Partie gestarteten Unioner gewinnen mit 1:0. Der völlig unwahrscheinliche Doppelschlag gegen die mittlerweile zum Spitzenteam hochgerüstete Konkurrenz zählt zu den Höhepunkten der Saison 1976/77 und den Sternstunden des Vereins in den 1970er-Jahren.

Die Siege gegen Dynamo Berlin festigen den Ruf von Union Berlin als Sammelbecken der Unangepassten. Zuschauer strömen in Massen ins Stadion an der Alten Försterei – auch in den 1980er Jahren, die ähnlich durchwachsen sind wie das vorangegangene Jahrzehnt.