Mit blanker Brust: Wie Union in den 1980ern zwischen Zweitklassigkeit und internationalen Spitzengegnern changiert

1980 steigt Union Berlin zum vierten Mal in die DDR-Liga ab und schafft erst zwei Jahre später den Wiederaufstieg. Die 1980er-Jahre sind das Jahrzehnt, in dem Union einen Ruf als „Fahrstuhlmannschaft“ erhält – und die Epoche der verpassten Chancen: In einem unglaublichen Duell gegen Chemie Leipzig zieht Union mit dem sächsischen Kontrahenten in Punkten und Toren gleich und rettet sich kurzzeitig vor dem Abstieg. Zum zweiten Mal in der Geschichte der Oberliga werden zusätzliche Relegationsspiele nötig. Doch die „Eisernen“ können sich hier nicht durchsetzen und steigen erneut ab. Zwei Jahre später beginnt, wieder in Sachsen, eine ähnliche Geschichte: Sensationell gewinnt Union das Halbfinale des FDGB-Pokals gegen Dynamo Dresden – und geht im Finale gegen Lok Leipzig mit 1:5 unter.


Doch schon die Chancen, die sich die Köpenicker erspielen, zeugen davon, dass es auch in den 1980er-Jahren Höhepunkte gibt. Zum Beispiel beim Intertoto Cup 1986 oder einem der spektakulärsten Abstiegsduelle im Jahr 1988…

Trikot für die Welt

Neben internationalen Gegnern stehen in den 1980er-Jahren Aufstiegsduelle auf dem Programm, hier gegen Schwerin.

Es sind klanghafte Namen, die im Sommer 1986 auf dem Programm des 1. FC Union Berlin stehen: Im europäischen Intertoto-Cup spielen die „Eisernen“ gegen Bayer Uerdingen, Standard Lüttich und den FC Lausanne-Sport. Der Wettbewerb wurde einst ins Leben gerufen, um auch in der Ligapause Fußballwetten platzieren zu können. Entsprechend steht zwar „spielerische Gedanke“  im Vordergrund, wie Union-Coach Karl Schäffner kurz darauf zu Protokoll geben wird. Schäffner sagt aber auch: Die Treffen besitzen „durchaus Punktspielcharakter“.

Und da kann Union, Tabellensiebter der DDR-Oberliga, kaum als Favorit gelten: Uerdingen, DFB-Pokalsieger von 1985 und aktueller Bundesliga-Dritter, hat gerade erst ein Herzschlagduell mit Dynamo Dresden hinter sich, das Sportjournalisten später zum größten Fußballspiel aller Zeiten wählen werden. Und Standard Lüttich kann nach dem belgischen Meistertitel einige Jahre zuvor nun einen respektablen dritten Rang in der ersten belgischen Liga vorweisen.

Doch bei Union scheren sie sich nicht um große Namen. Als der FC Bayer 05 Uerdingen mit dem Team um Kapitän Friedhelm Funkel im Juni in die DDR-Hauptstadt reist, schicken ihn die „Eisernen“ mit einem 3:2-Sieg nach Hause. Auch Lausanne bekommt eine Woche später den Kampfgeist der Köpenicker zu spüren. Vor 12.000 Gästen, die zu der internationalen Partie ins Stadion an der Alten Försterei gepilgert sind, erzielt Ingo Weniger nach einem Doppelpass mit Olaf Seier den 1:0-Siegtreffer.

Zum dritten Heimspiel wechseln die Unioner ihre Trikots. Statt schnittiger Querstreifen und einem einfarbigen Oberbereich treten sie nun in hellen Leibchen mit dünnen Längsstreifen an. Den Gästen aus Lüttich, die im roten Dress auflaufen dürfen, nützt das wenig: Mit 4:1 fertigen die Berliner sie ab.

Die Rückspiele führen das Team diesmal komplett ins „nichtsozialistische Ausland“: Im schweizerischen Lausanne reicht es zum Auftakt aber nur für ein 1:1, in Uerdingen kassiert Union sogar eine 0:3-Niederlage. Doch in Lüttich finden die „Eisernen“ ihre alte Form wieder: Ein 2:1-Auswärtssieg bringt die kleine Sensation mit sich – Union Berlin gewinnt die Gruppe 2 beim Intertoto Cup 1986!

Der Einsatz lohnt sich: Gegen Dynamo Schwerin erringt Union 1985 den Aufstieg in die Oberliga.

Ein Glücksshirt

Es ist der 28. Mai 1988, letzter Spieltag der aktuellen Saison in der DDR-Oberliga – und Union droht erneut der Abstieg in die Zweitklassigkeit. „Sie können den Klassenerhalt nur bei einem Sieg in Karl-Marx-Stadt und gleichzeitiger Niederlage von Aue, Vorwärts oder Erfurt sichern“, analysiert Ex-Nationaltrainer Georg Buschner im „Neuen Deutschland“. Doch der FC Karl-Marx-Stadt ist stark und hat nach einer peinlichen 0:5 Niederlage gegen Abstiegskandidat Vorwärts Frankfurt etwas gut zu machen.

Union im Duell mit Stahl Riesa, 1987. Gegen andere sächsische Teams fochten die “Eisernen” in den 1980er-Jahren legendäre Partien – nicht immer erfolgreich.

Vor 2.000 mitgereisten Berlinern manifestiert der FCK dann auch gleich seine Favoritenrolle und erzielt in der 7. Minute die 1:0-Führung. Schockstarre bei den „Eisernen“ – aber nur kurz! Olaf Seier gleicht in der 14. Minute mit einem kuriosen Tor zum 1:1 aus. Doch das Team, das in weißen Hemden mit dem großen roten Aufdruck „1. FC Union Berlin“ nach Sachsen gereist ist, bräuchte mehr, wie Zeitungskolumnist Buschner im Vorfeld festgestellt hatte: „Auch ein Unentschieden nutzt den Wuhlheidern nichts.“

In der zweiten Halbzeit schickt sich der Karl-Marx-Städter Rico Steinmann an, das zarte Pflänzchen der Hoffnung zu zertreten, das nach Seiers Ausgleichstor aufgekeimt ist: Er bringt die Sachsen mit 2:1 in Führung – Union ist so gut wie abgestiegen. Doch als in der 72. Minute Michael Weinrich eingewechselt wird, erhält das Spiel eine neue Wendung: Eine Minute später gleicht Weinrich aus. Erneutes Hoffen bei den „Eisernen“, die nun „alles nach vorne“ werfen, wie die Berliner Zeitung am Folgetag kommentieren sollten. Der Einsatz lohnt sich: Kurz vor dem Schlusspfiff köpft Steffen Enge den Ball nach einem Freistoß an den Pfosten, von dort landet er auf dem Fuß von Mario Maek, der die mitfiebernden Fans erlöst: Der 3:2-Sieg rettet den Klassenerhalt für Union! Spieler und Fans überschlagen sich im Jubel, die Zeitungen mit griffigen Formulierungen: „Und auch sie faßten es kaum, als in der 90. Minute schließlich der liebe Gott sagte: Ich bin ein Unioner …“ schreibt das Deutsche Sportecho, „Union kippte das Spiel, als alles verloren schien“, betitelt die Berliner Zeitung ihren Spielbericht und das „Neue Deutschland“ sieht ein „Trumpfas im Ärmel“ der Unioner, die nie aufgegeben hätten und dafür „in letzter Minute belohnt“ worden seien. Dass in der selben Zeitung gar „ein Berliner Tag“ ausgerufen wird, weil Dynamo sich zeitgleich den Meistertitel sichert, mag dem echten Union-Fan aber nur bedingt einleuchten.

Apropos „leuchten“: Der spektakuläre Klassenerhalt, wie ihn selbst Union-Vorsitzender Hans-Günter Hänsel in 21 Jahren „noch nicht erlebt“ hatte, bleibt der strahlende Schlusspunkt des Jahrzehnts, denn in der Folgesaison rutscht Union dann eben doch wieder ab in die Niederungen der Zweitklassigkeit.

Die als Werbefläche dienenden Trikots der internationalen Gegner von 1986 sind ein Vorgeschmack auf die Zukunft von Union, deren Brust beim legendären Spiel gegen Karl-Marx-Stadt 1988 noch ein breiter Aufdruck des Vereinsnamens zierte. Im Herbst 1989 fällt die Berliner Mauer und bringt auch für Union große Umwälzungen mit sich, von denen die neu gestalteten Trikots mit Sponsorenaufdruck noch die kleinste Veränderung ist.

Lies in der kommenden Woche, wie Union seinen Weg im gesamtdeutschen Profifußball geht – und sich zurück nach oben kämpft!